Donnerstag, 20. September 2007

Amnesie

War Zeuge eines Gesprächs zweier geistig leicht Behinderter, die sich am Tag vorher kennen gelernt hatten.

Er: "Aus welcher Stadt kommst du denn?"
Sie: "Aus Marburg. Das habe ich dir doch gestern schon erzählt!"
Er: "Ich hab dir doch gesagt, dass ich Probleme mit meinem Kurzzeitgedächtnis habe!"
Sie: "Ach, hab' ich vergessen!"

Meinen ersten Impuls, laut zu lachen, habe ich schnell unterdrückt. Das wäre echt gemein gewesen angesichts zweier Leute, die sich mit ihren Schwierigkeiten so tapfer durchs Leben kämpfen. Aber irgendwie war es doch lustig ... Gehört wohl in die zu Recht umstrittene Kategorie "Witze über Behinderte" - obwohl der Dialog wirklich so stattgefunden hat.

Montag, 17. September 2007

Rendezvous mit der Welt des Theaters


Ein ereignisreiches Wochenende liegt hinter mir. Am Samstag sind Renate (E.) und ich nach Butzbach/Hessen gefahren, um an einem Theater-Seminar von Willow Creek teilzunehmen. Kurz nach vier Uhr früh starteten wir (gähn!!!), genossen die Autofahrt zwischen Sternenhimmel, Sonnenaufgang und blauem Himmel, die Zeit für Gespräche und den Ausblick auf die abwechslungsreiche Landschaft.
Um 10 Uhr ging's los: Knapp vierzig Leute hatten sich für den Kurs "Regie" angemeldet. Eine Fülle von Theorie und praktischen Übungen brachte uns Monica Degen, Regiesseurin vom Freien Theater Berlin, nahe. Eine beeindruckende Frau übrigens, sehr kompetent, und ihre Persönlichkeit ist wunderbar. Sehr sanft und behutsam, aber gleichzeitig weiß sie genau, was sie will und wo es hingehen soll.
Wodurch ich mich in diesem Seminar bestätigt fühlte: Renate und ich sind mit unserer kleinen Theatergruppe genau auf dem richtigen Weg. Instinktiv hatten wir die Bedeutung von "warm up's" und Improvisation erkannt und angewendet. Was uns in der Praxis schon vertraut war, wurde hier theoretisch erklärt und untermauert. Dazu gab's viele Übungen, die wir noch nicht kannten und wir haben jetzt reichlich Stoff für das nächste Jahr.
Eine weitere Erkenntnis für mich: Ich bin in der Regie richtig aufgehoben. Viel mehr als im Schauspiel selbst. Das wurde mir während einer Aufgabenstellung, in der es um Interaktion ging, total klar. Ich spürte, wie sehr ich mich auf mein Gegenüber einließ, mich in sie einfühlte und dabei meine eigene Person zurück stellte.
Ich dachte plötzlich, dass die Aufgabe des Regiesseurs wohl der eines Seelsorgers gleicht: Zuhören, Fragen stellen, beobachten, Beobachtungen mitteilen, Richtungen aufzeigen. Das liegt mir mehr als selbst darstellen. Früher, so Monica Degen, hatte der Regiesseur autoritär bestimmt: "Du machst das und das, und zwar so und so!" Die Zeiten sind vorbei. Er ist ein Helfer der Schauspieler, das aus sich heraus zu holen, was in ihnen steckt. Eher ein Wegweiser. Und vor allem sieht er den Zusammenhang. Er hat eine Vision von dem Stück. Er hat das Gesamtbild im Auge. Er weiß, welche Botschaft, welche Geschichte ans Publikum transportiert werden soll. Und er fördert die verschiedenen Facetten der Darsteller, die dann im Zusammenspiel, in der Wechselwirkung, im Steigen und Fallen der Handlung, im Fortlaufen und an Wendepunkten des Geschehens als Gesamtkunstwerk zusammen finden.
Ich finde das total faszinierend.
Eine weitere Überraschung ist für mich die Kraft der Imagination. Wir wurden in den praktischen Übungen vorsichtig durch unsere eigene Welt der Phantasie geführt, und es war verblüffend für mich zu sehen, was da so in mir schlummert. Auf einmal bekommt man Kontakt zu seiner Seele. Sehr interessant.
Nach sieben Stunden auf (leider hartem und kalten) Steinfußboden sitzend, waren wir dann froh, uns wieder ins Auto schwingen zu dürfen. Leider kamen wir auf dem Rückweg in einen Stau. Um 23 Uhr waren wir erst wieder zu Hause. Das ist nichts für alte Frauen wie mich! Am Sonntag war ich wie gerädert. Doch es nützte nichts: Schon kurz nach 8 Uhr früh waren wir in unserer Gemeinde, um für das Schauspiel zu proben, das in den beiden folgenden Gottendiensten zum Thema "Der sexte Sinn" (zur Sexualität, der Beginn der Reihe "Baustellen des Lebens") aufgeführt wurde. So konnten wir das Gelernte (Schauspiel natürlich ;-) !) gleich praktisch anwenden. Hat alles prima geklappt.
Renate und ich sind hoch motiviert, unsere Aufgabe in der Theatergruppe auszubauen. Die Anstrengungen des Tages haben sich sehr gelohnt.

Freitag, 14. September 2007

Heimchen am Herd?


Gestern bei der Gartenarbeit bekam ich zufällig einen kleinen Dialog zwischen zwei Teilnehmern des Waldorf-Kindergartens auf dem Nachbargrundstück mit. Die zwei Stöppke befanden sich im reifen Alter von ca. 5 Jahren und hatten bereits eine klare Meinung.
Mädchen (weinerlich): "Ich möchte auch das Baumhaus mitbauen!". Junge (gönnerhaft): "Nein, das geht nicht, du kannst Kuchen backen!"
Ob Eva Hermann mit ihrem "Kampf" bereits offene Türen bei der heutigen Jugend einrennt?
Aber im Ernst, das Schwierige bei der Diskussion um "Heimchen am Herd" oder "Karrierefrau" ist, dass gar nicht mehr sachlich argumentiert wird - offensichtlich auf keiner Seite.
Das macht es so überaus schwierig, seine eigene Meinung zu äußern, ohne als Vertretung der "Hausmütterchen"-Fraktion oder der der "Rabenmmütter" abgekanzelt zu werden. Sehr bedauerlich, dass Frau Hermann mit ihren dummen und üblen Äußerungen so viel Schaden angerichtet hat. Denn darf man nun noch laut sagen, dass es wirklich viel besser für ein- bis dreijährige Kinder ist, zu Hause bei der Mutter (oder von mir aus beim Vater) aufzuwachsen, statt in einer Tagesstätte untergebracht zu werden - egal, wie sehr sie dort "gefördert" werden? Oder darf man sagen, dass es vielleicht viel sinnvoller wäre, die Gelder, die in solche Betreuungsanstalten fließen, lieber den Familien zu Gute kommen sollten?
Darf man sagen, dass viele Frauen gar keine Wahl haben als arbeiten zu gehen, weil das Familieneinkommen sonst gar nicht reichen würde? Und sie ihre Kinder abgeben müssen, obwohl sie es eigentlich gar nicht möchten?
Darf man sagen, dass die Frauen, die nicht wirklich Interesse an einer Familie und am Familienleben haben, sich lieber ganz auf ihre Arbeit und Karriere konzentrieren sollten, statt Kinder als Prestigeobjekt in die Welt zu setzen, die dann als lästiges Anhängsel irgendwie abgeschoben werden müssen?
Gibt es nicht auch eine Position irgendwo zwischen Frau von der Leyen und Eva Hermann, die es verdient, ernst genommen zu werden?
Ich persönlich bin sehr froh und dankbar, dass ich die Chance hatte, immer solche Halbtagsstellen (nah an unserem Zuhause und mit günstigen Arbeitszeiten) zu bekommen, die es mir erlaubten, den Balanceakt zwischen Familie und Arbeit hinzubekommen. Ich war mittags, wenn die Kinder aus Kindergarten oder Schule nach Hause kamen, immer schon da und konnte sie empfangen. Das war sehr wichtig für sie - auch über das Kindergartenalter hinaus, und für mich auch. Gleichzeitig habe ich den Anschluss an die Arbeitswelt nie verloren. Die ersten drei Jahre haben den Kindern sowieso ganz gehört.
Ich fürchte, solche guten Chancen haben nicht viele Frauen.
Wenn man über die Kosten des Staates diskutiert, sollte man auch bedenken, dass die Folgekosten für sich selbst überlassene, verlorene, auf die schiefe Bahn geratene Kinder, die kein Familienleben und keine Wärme kennen und kaum eine Erziehung genossen haben, enorm sind. Ein Extrem, zugegeben. Aber leider keine Ausnahme mehr.

Sonntag, 9. September 2007

Schlechte Laune?

Dann probier's mal hiermit:

http://www.collegehumor.com/video:1774319


Wenn das nichts hilft, dann bitte diesen hier versuchen:

http://www.collegehumor.com/video:1774105

Dienstag, 4. September 2007

"Am Ende des Weges"

von Heinrich Albertz ist ein Glücksfund von unserem letzten Flohmarktrundgang. Ich halte immer nach interessanten Büchern Ausschau. Und dieses ist nicht nur interessant, sondern auch sehr berührend.
Heinrich Albertz, Jahrg. 1915, gest. '93, war von '39 bis '41 Pfarrer der Bekennenden Kirche, bevor er verhaftet wurde; später ('66/'67) war er regierender Bürgermeister von Berlin. In seinen letzten Jahren lebte er zusammen mit seiner Frau bewusst unter alten Menschen in einem Wohnheim in Bremen.

Heinrich Albertz '83 auf einer Friedensdemo

In diesem '89 veröffentlichten Buch reflektiert er übers Älterwerden, über das Alter überhaupt, über das Mit- und Nebeneinander der Generationen. Es ist als Tagebuch geschrieben, wobei sich alltägliche Geschehenisse und Begegnungen mit der Rückschau auf politische und persönliche Ereignisse abwechseln. Ein ehrliches Buch, bescheiden, eigene Grenzen annehmend, gleichzeitig beobachtend, wach. Der Bericht eines "zurückgenommenen Lebens", angesichts des Todes.
"Nichts ist schöner, als mit dir in der Abendsonne auf einer Bank zu sitzen - dicht am Haus vor unserer schönen Wiese, in dem herrlichen Park ganz in unserer Nähe, im alten Riensberger Friedhof. Wir erzählen uns die alten Geschichten, von Glück und Unglück in unserem Leben, von Kindern und Enkeln. ..." Und er spricht vom 90. Psalm, diesem schönen Text von "Anfang und Ende, von Leben und Sterben, von Zeit und Ewigkeit". - So schön, so zu Herzen gehend, dass mir die Tränen kommen ...

Mittwoch, 29. August 2007

O du schöne Weihnachtszeit ...


Die Tage werden kürzer, okay. Frühmorgens hängen Nebelschwaden über den Feldern, na gut. Die ersten Blätter fallen von den Bäumen, sicher.
Aber IST DAS EIN GRUND, jetzt, Ende August, vier Monate vor Weihnachten, Spekulatius, Lebkuchen & Co. in die Regale der Supermärkte zu platzieren???
Ich rege mich jedes Jahr erneut darüber auf. Es verdirbt Kindern die Vorfreude und mir die Lust auf die Vorweihnachtszeit. Wenn man monatelang das Zeug dort liegen sieht, dann kann man es spätestens Mitte November nicht mehr ertragen. Dabei liebe ich die Adventszeit normalerweise über alles. Doch das inflationäre und unzeitgemäße Angebot der entsprechenden Utensilien macht mir das Ganze doch etwas madig. Da hilft es auch nichts, den Kauf dieser Waren bis Anfang Dezember zu boykottieren. Es verfolgt einen halt trotzdem auf Schritt und Tritt ...

Dienstag, 21. August 2007

"Uno!"

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Wenn dieses zwischen Hartmut und mir verabredete Stichwort durch die Wohnung schallt, ist es für mich dringend an der Zeit, in den Keller zu gehen, die Wäsche von der Leine zu nehmen und eine neue Partie Wäsche zu waschen. Denn "Uno!" ist das Zeichen, dass mein lieber Mann gerade seine letzte Unterhose der Schublade entnommen hat.
Es ist auch das Zeichen, dass ich mal wieder mit meinem Haushalt hinterher hinke. Ein langes Arbeitswochenende (Freitag bis Montag) von täglich 8:00 bis 18:00 Uhr verhindert ein reibungsloses Hausfrauendasein. Da Hartmut solche Ehefrauabwesenheitszeiten (was für ein Wort!) gerne nutzt, um intensiv an unserer Hütte weiter zu arbeiten, kann auch er sich nicht statt meiner um solch profane Dinge wie Wäsche oder staubsaugen kümmern.
So ist der Dienstag oft ein Haushaltstag für mich. Heute kommt die schöne Aufgabe "Äpfel pflücken" dazu. Sie sind reif! Das Fallobst hat Hartmut immerhin bereits zu einem wunderbaren Apfelkuchen verarbeitet. Großes Lob! Ich werde heute meine berühmte Apfel-Curry-Suppe kochen. Und Apfelmus. In großen Mengen.
Reife Äpfel läuten für mich immer das große Sommerfinale ein. Was okay ist, wäre da ein Sommer gewesen! Nun hoffe ich auf einen schönen Herbstzauber!

Dienstag, 14. August 2007

Unsere wilde Hummel ...

ist 22 geworden! Happy birthday, Annika!


Was soll man über unser Mädel schreiben? Da reicht eine Seite ja gar nicht aus! Sie ist unser Sonnenschein mit kämpferischem Wesen, ein guter Kumpel, feinfühlig und zärtlich, hilfsbereit und anpackend, hübsch und humorvoll, kreativ und für Ungewöhnliches zu haben, abenteuerlustig und stark, sensibel und herzlich, ernst und bereit für alle Späße der Welt, sie kann austeilen und einstecken. Ein Dickkopf, wenn's um wichtige Sachen geht, ansonsten anpassungfähig und pflegeleicht. Ein Mensch, der Freude bereitet, nur einfach dadurch, dass er da ist. Allein wenn man in ihre blauen Augen schaut, geht einem schon das Herz auf ...

Okay, okay, ich hör schon auf, wir sind halt ihre Eltern (hoffe, das hier ist dir nicht zu peinlich, Maus!). Wünschen dir einen wundervollen Tag und danken Gott, dass es dich gibt!
Wir haben dich lieb!

Donnerstag, 9. August 2007

Wie lange braucht ein Mensch zum Sterben?

Gestern erzählte mir ein 93jähriger vom Tod seiner Frau vor drei Jahren. "Was glauben Sie, wie lange meine Frau zum Sterben brauchte?" fragte er mich. "Keine fünf Minuten!" Er ist immer noch fassungslos. "Abends sagte sie zu mir: 'Ich geh schon mal ins Bett!'. 'Gut', meinte ich, 'ich mach dir noch schnell deinen Kamillentee!' Als ich ins Schlafzimmer kam mit der Teetasse in der Hand, lag sie tot im Bett. Einfach so."
Mir kamen sofort die Gedanken an meinen Vater hoch. Er brauchte zwei Wochen zum Sterben. Ich durfte ihn noch pflegen und mich in Ruhe von ihm verabschieden. Zwei Wochen sind eine gute Zeit. Nicht zu lang und nicht zu plötzlich. Und doch tut es wieder weh, wenn ich daran denke ...
In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Mir ist mal wieder schmerzlich bewusst geworden, wie endlich alles ist. Wie oft wir Abschied nehmen müssen. In meinem Alter werden Abschiede zunehmen ... Der Takt beschleunigt sich. Mit wieviel Unwichtigem wir uns so beschäftigen angesichts der Tatsache, dass der Tod jederzeit zuschlagen könnte! Trotz Glauben an ein ewiges und besseres Leben empfinde ich wie viele Leute den Tod als ein Affront, als bösen Bruch, als Feind. Was er ja auch ist, wenn wir das Leben und Menschen lieben.
Ob es uns - mir - gelingt, aus diesem Wissen Nutzen zu ziehen? Uns das Leben nicht mit unwichtigen Streitereien, Undankbarkeiten, Nervereien und Unzufriedenheiten zu versauern?

Sonntag, 5. August 2007

Morgens um sieben ....

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Vier Elstern sitzen in den Zweigen des abgestorbenen Birnbaums und halten eine konspirative Sitzung ab. Ein Taubenpärchen gurrt sich unterdessen verliebte Laute zu. Ringelblumen blühen still und bescheiden auf dem Beet, das eigentlich ein kleiner Gemüsegarten werden sollte. Die Hortensien dagegen stellen stolz ihre überbordende pinkfarbene Blütenpracht zur Schau.
Der Froschkönig ist auf dem Weg zu seiner Zinkwanne, um wie jeden Mogen vergeblich nach einer goldenen Kugel zu tauchen. In der Pfütze vom längst vergessenen letzten Regenschauer nimmt eine hübsche Amsel ihr Morgenbad. Zwei Möven sind auf Landausflug und kreischen hoch in der Luft ihren gefiederten Genossen einen seemännischen Gruß zu. Zitronenmelisse, Lavendel, Rosmarin und Minze fechten einen Wettbewerb um den schönsten Duft aus und die kleinen Buschröschen blicken bewundernd zu ihrem Vorbild, der roten Edelrose auf.
Lust der Augen, Genuss für Nase und Ohren, Morgenkühle auf der Haut.
Plötzlich klappt laut eine Tür und die Nachbarin ruft einigen kommenden Bauarbeitern Anweisungen zu. Der Zauber ist gebrochen. Ich nehme meine leere Kaffetasse vom Terrassentisch und gehe ins Haus, um mich für die Arbeit fertig zu machen.